Interview: Ox-Fanzine / Ausgabe #69

Getting Away With Murder

Am 01.09.2006 war es soweit, „Getting Away With Murder“, das zweite Album der norwegischen TRASHCAN DARLINGS, erschien bei East Side Records. Seit ihrem Debüt 2002 ist schon eine Ewigkeit ins Land gegangen und die letzte Tour ist auch schon eine kleine Weile her. Doch die fünf Jungs aus Oslo haben in der Zwischenzeit nicht etwa gelangweilt rumgehangen, denn es hat sich eine Menge bei ihnen getan, und im Herbst dieses Jahres gab es natürlich auch eine Tour zum neuen Longplayer. Alles Gründe, die für ein Interview mit Chris Damien Doll, seines Zeichens Gitarrist der Darlings, sprachen.

Es ist schon eine Weile her, seit ihr in Deutschland auf Tour gewesen seid. Was habt ihr in der Zwischenzeit so getrieben?

Es ist eigentlich noch gar nicht so lange her. Im Februar dieses Jahres haben wir drei Gigs in Deutschland gespielt, aber es stimmt, eine richtige Tour ist schon eine Weile her. In der Zwischenzeit waren wir aber ziemlich beschäftigt. Wir haben letztes Jahr eine 90-minütige DVD, „10 Years Of Trash“, über die bisherige Bandgeschichte zusammengestellt und zu unserem 10. Geburtstag veröffentlicht. Die DVD enthält viele Interviews mit der Band beziehungsweise ehemaligen Mitgliedern, sowie Musikvideos, TV-Auftritte und Livemitschnitte, unter anderem auch aus Deutschland. Danach haben wir die Songs für das neue Album „Getting Away With Murder“ geschrieben und aufgenommen. Unsere beste Veröffentlichung bislang! Wir haben uns also nicht unsere Ärsche platt gesessen und gewartet, dass etwas passiert.

Es hat auch einige Veränderungen in der Band gegeben. Wer ist denn neu dabei und was ist mit den alten Bandmitgliedern?

Seit der „Cleaning Out The Cuntinent“-Tour 2004 haben wir einen neuen Drummer. Sein Name ist Andy Hunter und er ist großartig. Er hat auch schon die Minitour mitgespielt, also kennt ihn der eine oder andere schon. Sein Vorgänger, Eric Carr, hatte einfach zu viele Bands und so mussten wir ihn gehen lassen. Ich bin nicht sicher, was er jetzt tut. DeaDee, oder auch DanDee, der seit 1998 unser Basser war, hat die Band auf eigenen Wunsch Weihnachten letzten Jahres verlassen. Ich denke, er will seine Ferien und sein Geld lieber für seine Familie verwenden, als wochenlang mit uns in einem nach Schweiß stinkenden Van zu sitzen. Unser neuer Bassist Q. Ken Rockers ist fantastisch. Das ist auch das Line-up, welches die neue Platte eingespielt hat und wir sind im Moment mehr als zufrieden.

Wo wird das Album überall erscheinen?

East Side Records sind für den deutschen Markt zuständig und Backstage Worldwide kümmern sich um die USA. Beides sind kleine Labels, aber es sind Leute, die sich engagieren, die unsere Musik lieben und genau mit solchen Leuten wollen wir zusammenarbeiten. Später wird das Album dann bei iTunes und anderen Downloadplattformen erhältlich sein. Und natürlich wird es auch in Skandinavien veröffentlicht. Ich denke, mittlerweile kann man es von überall auf der Welt von verschiedenen Onlineanbietern kaufen. Außerdem versuchen wir gerade einen Deal für Japan zu bekommen, aber das steht noch in den Sternen.

Was darf man unter dem Titel der neuen Platte „Getting Away With Murder“ verstehen?

„Getting Away With Murder“ ist ein englischer Ausdruck, der bedeutet, dass man mit allem davon kommt, und das ist es, was die TRASHCAN DARLINGS die letzten Jahre gemacht haben. Wir haben alles genauso gemacht, wie wir wollten, ohne Kompromisse, und sind immer damit durchgekommen.

Das Cover sieht nach einer Menge Spaß beim Fotoshooting aus. Wie ist das abgelaufen?

Ganz einfach, wir wurden der Bands allmählich leid, die immer wieder diese Glamour-Models für ihre Videos benutzen. Du kannst das gleiche Mädel in einem HipHop-, Metal-, Rock- oder Pop-Video bewundern und oft ist das Modell sogar berühmter als die Band. Wir wollten „frische“ Gesichter, die nicht so „abgenutzt“ sind. Also haben wir einige unserer heißesten Freundinnen gefragt, ob sie sich für uns ausziehen würden und fast alle haben zugesagt. Das Bild ist einfach großartig geworden und es war definitiv für alle Bandmitglieder eine unvergessliche Nacht!

Der Sound der neuen Songs ist um einiges besser als auf eurem Erstling. Wer ist dafür verantwortlich?

Zunächst einmal haben wir uns ein besseres Studio zum Aufnehmen gesucht. Außerdem sind wir alle bessere Musiker geworden und waren so in der Lage, mehr von unserer Energie einzufangen, ohne dabei Fehler beim Spielen zu machen. Des Weiteren haben wir uns mehr Zeit im Studio gegönnt, was auch sehr geholfen hat. Aber der ausschlaggebende Punkt war, dass wir uns fürs Mixen noch einmal ein anderes Studio gesucht haben. Ein wirklich teures, was eigentlich jenseits von unserem Budget liegt, aber wir haben es trotzdem hinbekommen. Jetzt sind wir zufrieden mit dem Sound. Unser Ziel war es, den Sound der „Tunes From The Trashcan“-MCD beizubehalten, aber die Aggressivität und Energie unserer Live-Performance mit einzubringen. Genau das haben wir auch geschafft.

Was hat es mit der Schreibweise eures neuen Songs „Back to the Parti“ auf sich?

Das ist ein Tribut an einen illegalen Club in Oslo, aus den 90ern. Strange? Gentle und ich hingen dort viel rum. Der Club öffnete, wenn die anderen Pubs schlossen, und war bis zum Morgengrauen offen. Wir hingen dort jedes Wochenende rum. Der Club hieß „De Klares Parti“, was soviel wie „The Clear Ones Party“ oder so bedeutet. Ein großartiger Ort, welcher uns sehr inspirierte.

Was wollt ihr uns mit eurem neuen Song „Me punk, you fuck!“ eigentlich sagen?

Ist das nicht ziemlich offensichtlich? Wir dachten auch über „Me Tarzan, you Jane“ oder „Me male, you do the dishes“ nach, aber nichts davon hat wirklich funktioniert, also haben wir uns für „Me punk, you fuck!“ entschieden!

Wird es eine Singleauskopplung zum neuen Album geben?

Nein. Bands bringen heutzutage doch kaum noch Singles als wirkliche Singles heraus. Außerdem kauft die kaum noch jemand. Wer will schon einen Song vom Album und drei lausige Remixe, wenn er ein ganzes Album für ein wenig mehr Geld haben kann? Wir werden mindestens zwei Videos zum Album machen und versuchen, diese auch ins Fernsehen zu bekommen, sowohl in Norwegen als auch in Deutschland. Und Videos kann man schon als Single betrachten.

Ich habe gelesen, dass ihr in Oslo zwei Release-Partys an einem Abend hattet. Die Show um 20 Uhr war für jeden zugänglich, aber die Show um 23 Uhr nur für Leute über zwanzig Jahren. Wie kam es dazu?

In Norwegen muss man zwanzig sein, um Schnaps kaufen zu können, und daher ist das in vielen Clubs die Altersgrenze. Es gab wohl einige, die Bier verkauften und eine Beschränkung auf über 18 Jahre hatten, aber ich denke, die gibt es schon gar nicht mehr. Jedes Mal, wenn wir in Oslo spielen, bekommen wir Nachrichten von Zwölfjährigen und älter, die uns gern sehen würden, aber es gibt leider keine Möglichkeit. Also dachten wir uns, wir versuchen es, um zu schauen, ob es ein Markt für solche „offenen“ Konzerte gibt. Wenn viele Leute kommen und es ein Erfolg wird, werden wir das Ganze sicher wiederholen, und wenn nicht, dann haben wir es wenigstens versucht. Mein erstes Konzert erlebte ich mit zwölf und ich erinnere mich noch gern daran. Also warum nicht der Jugend von heute auch diese Chance geben?

Nach dem großen Skandinavien-Hype Ende der Neunziger ist es jetzt ein wenig ruhiger um die Bands aus dem Norden geworden. Wie sieht es denn mit der Szene heute in Norwegen beziehungsweise in Oslo aus?

Um die Wahrheit zu sagen, die Bands sind besser als jemals zuvor! Es gibt nur noch wenige dieser aggressiven Bands, die mir Ende der 90er so gefallen haben. Aber ich denke, ein Großteil dieser Szene von damals war einfach ziemlich scheiße. Es hat funktioniert, weil alle ausgehungert und gierig nach Rock waren. Die Bands waren laut und enthusiastisch, es waren großartige Shows, alle hatten lange Haare und Tattoos, aber viele dieser Bands konnten keine Songs schreiben. Dann gab es einen Haufen Nachahmer in Skandinavien und dem Rest der Welt. Wir haben uns nie mit dieser Szene identifizieren können. Ich denke, dass die Bands im heutigen Norwegen besser als die der späten 90er sind. Viele Bands haben ihren eigenen Stil und einige von ihnen haben super Songwriter.

Gibt es bei euch in der Band auch Soloaktivitäten einzelner Mitglieder?

Nicht wirklich. Strange? Gentle singt gelegentlich bei einer Bands namens VALENTOURETTES. Die Jungs sind die Band des großartigen norwegischen Singer/Songwriters Jokke Nilsen, der vor ein paar Jahren an einer Überdosis Heroin gestorben ist. Ihr Ziel ist es seine Musik am Leben zu erhalten und ein wenig Geld damit zu verdienen. Die Band in dieser Form gibt es schon seit Jahren und Strange? Gentle ist jetzt eingestiegen. Ich habe in Oslo ein Konzert in Gedenken an meinen guten Freund Nikki Sudden organisiert, der im Frühjahr dieses Jahres verstorben ist. Außerdem nehme ich an einem ähnlichen Konzert in Berlin teil. Abgesehen davon sind die Darlings für alle das Wichtigste.

Wie sieht denn die Zukunft nach der Tour bei euch aus? Was kommt danach auf uns zu?

Im Moment sind wir viel beschäftigt mit Interviews, Videodreh und der Zusammenstellung von Merchandise und anderen Dingen für die Tour. Wir haben Pläne für das ganze nächste Jahr, aber die erfahrt ihr erst, wenn es soweit ist. Im Anschluss an die Tour werden wir uns aber erst einmal ausruhen.

Gibt es Pläne, das Album auch auf Vinyl zu veröffentlichen?

Im Moment gibt es keine konkreten Pläne. Wir alle lieben Vinyl, aber in Norwegen und Skandinavien gibt es kaum noch einen Markt dafür. Es gibt natürlich ein paar Sammler, die immer eine Vinylversion haben wollen, aber es sind zu wenige. In Deutschland hingegen läuft Vinyl immer noch gut, besonders in der Punkszene. Aber wir mussten auch da feststellen, dass die Verkäufe rückläufig sind und viele sich eine CD in den Schrank stellen. Aber wenn sich die CD gut verkauft und East Side Records sich für eine Vinylauflage entscheidet, dann wird es natürlich das Album auch auf Vinyl geben, vielleicht sogar als Picture-12″!

Interview: Arnim und Daniel

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