Ivy Green "What Ever They Hype" DoLP

Punkbands und deren Platten aus den 70ern zu besprechen hat manchmal so etwas wie, seht her was ich alles weiss oder dieses, ich war damals schon dabei. Diesen Eindruck möchte ich mit meinen Reviews in Sachen Punkhistorie vermeiden. Sollte er mal entstehen, dann ohne Absicht. Ziel der Besprechung ist, auf etwas neugierig zu machen, was leider etwas aus dem Blickfeld der Mailorder und Fanzines gerückt ist. In den 70ern gab es neben "Clash" (die ohnehin unsterblich sind), den "Sex Pistols" (die das beste Punkalbum aller Zeiten eingespielt haben) und den "Ramones" (die beste Punkband überhaupt) noch unzählige, leider vergessene Bands, die mehr als eine gute Single und LP eingespielt haben.
Heute möchte ich auf eine Band aufmerksam machen, die mich seit dem Erscheinen ihrer ersten, einseitig bespielten Single "Wap Shoo Wap", nicht mehr losgelassen hat. Ihr Name "Ivy Green".
Nach einer längeren Pause habe ich mir das Album "What Ever They Hype …" wieder einmal aufgelegt. Dieses "Best Of - Album" erschien 1986 auf "Circo Records" und beinhaltet 24 Songs aus ihrer Schaffensphase von 1975 bis 1985. Von der ersten, bereits oben erwähnten Single bis hin zu den Songs der 1985 erschienenen Single "Turning Point" hat die Band eine Weiter-Entwicklung hingelegt, die bei Punkbands nicht immer positiv verläuft. Allzu viele Möglichkeiten hat eine Punkband ja nicht. Entweder sie löst sich nach dem ersten Album auf, wie die "Pistols" oder sie schreiben immer wieder das gleiche geniale Album, wie die "Ramones". Konsequente und positive Weiterentwicklung gab es doch nur bei "Clash", die ihr musikalisches Spektrum um andere Musikstile erweitert haben. "Ivy Green" hat sich für den zuletzt genannten und aus meiner sicht schwierigsten Weg entschieden. Die Band meistert es mit Bravur. Was bei "Wap Shoo Wap" noch mit ein-zwei Akkorden abging, ist bei den Aufnahmen aus den 80ern gutes, ausgefeiltes Songwriting, klasse Arrangements und die Erweiterung des Instrumentariums um einige Bläser.
Das erste selbstbetitelte Album von 1978 ist auf der Doppel-LP gleich komplett enthalten und bringt solche Pogosmasher wie "I'm Sure", "Sex On The Radio", "Another Subculture", "Television" oder "Mister Mister". Auf den Seiten drei und vier befinden sich dann ausschließlich Songs aus den 80er Jahren, welche die konsequente Entwicklung der Band repräsentieren. Songs von sehr raren Singles und Tracks von ihrem zweiten Longplayer "The Quest" reihen sich würdig aneinander.
Die Band versteht es ausgezeichnet verschiedene Einflüsse aus Pop, Country, Jazz und Rock'n'Roll zuzulassen, ohne dabei ihre Punkwurzeln zu vernachlässigen. Sie vermeiden es gekonnt, dass das ganze völlig entartet klingt.
Neben der genialen Musik kommt die Doppel-LP in einem sehr schick gestalteten Klappcover, plus einem 14-seitigen Beiheft im LP - Format mit vielen Bildern und einem Text in niederländisch. Da Informationen über diese Band ohnehin Mangelware sind, kommt man nicht umhin, sich den Text immer wieder durchzulesen und jedes Mal werden neue Passagen verständlich. Wer an Punk aus den 70ern interessiert ist und dabei nicht nur die UK Bands beleuchten möchte, sollte auf jeden Fall mal nach dieser Scheibe Ausschau halten. Ihr werdet nicht enttäuscht sein - Versprochen! Das Booklet beginnt übrigens mit folgendem Satz: "Artiesten verwelken, groepen vergaan, maar Ivy Green blijft altijd bestaan.".

Im Folgenden erschienen noch die Alben "All On The Beat" (1985) und "Moon Raised" (1987). Beide sind wie alles von der Band zu empfehlen. Im Dezember 1990 spielte Ivy Green nach 15 Jahren Bandgeschichte ihren letzten Gig im Melkweg Club in Amsterdam. Ich für meine Person kann nur hoffen, dass sie sich noch mal für eine Liveshow zusammenfinden und ich bin mir sicher, dass ich jeden Weg in Kauf nehmen werden, um sie zu sehen.

Arnim